Sommergespräch mit Stephan Mrstik

TME-Sommergespräche | Stephan Mrstik (Die Grünen) über das gute Wülfrather Klima in der Flüchtlingssituation, die Rolle der Bürgermeisterin bei Innenstadt-Aktivitäten und Nachhaltigkeit in der Kalkstadt.

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Transparenz und Sachlichkeit: Darauf führt Stephan Mrstik, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Rat, die gute Stimmung zurück, die in Wülfrath rund um das Thema Flucht herrsche. Im TME-Sommergespräch schaute er aber auch auf die Themen sozialer Wohnungsbau und Situation des Einzelhandels in Wülfrath.

Taeglich.ME: So ziemlich genau vor einem Jahr setzte der große Flüchtlingsstrom ein, der in der Folge auch Wülfrath vor etwaige Herausforderungen gestellt hat und immer noch stellt. Die Grünen waren bei der Bewältigung der Situation und in Initiativen immer dabei. Wir beurteilen Sie die Situation und die Stimmung aktuell?
Stephan Mrstik: Wenn ich in die Politik und in mein privates Umfeld hineinhöre, finde ich es immer noch bemerkenswert wie ruhig und sachlich die Diskussion ist.

TME: Warum läuft das in Wülfrath anders und somit besser als in anderen Städten?
Mrstik: Das frage ich mich auch. Ein Grund war sicherlich, dass über diese ganzen Themen rund um die Flucht sehr transparent gesprochen wurde und hoffentlich weiter wird. Und im Rat gibt es einen großen Konsens. Die Frage ist nur: Ist das – also die gute Stimmung und die Sachlichkeit in der Politik – eine dauerhafte Sache? Was passiert im kommenden Jahr bei den Landtags- und Bundestagswahlen, wenn hier im Wahlkampf gewisse Parteien auftreten und Stimmung machen? Vielleicht kommen dann Kräfte auch in Wülfrath nach oben, die sich jetzt noch nicht so zeigen. Darauf muss man tatsächlich intensiv drauf achten.

Die Menschen müssen sich kennenlernen.“

TME: 150 neue Flüchtlinge werden noch in diesem Jahr erwartet. Die Unterkunft neben dem Rathaus wird gerade bezogen. Die Einrichtungen Fortunastraße werden fertig. Es werden also weiter Menschen anderer Kulturen nach Wülfrath kommen. Was kann Politik leisten, dass das Klima freundlich bleibt?
Mrstik: Das muss man ganz nüchtern betrachten. Wenn beispielsweise an der Fortunastraße bis zu 160 Flüchtlinge einziehen, in direkter Nähe zu einer gutbürgerlichen Wohnsiedlung, kann man nicht ausschließen, dass sich Menschen dort Gedanken machen, vielleicht einige Ängste haben. Da kann bei einem kleinen Funken die Stimmung kippen. Da müssen wir als Stadt, als Politik proaktiv reagieren. Wir müssen auf die Menschen eingehen, dort Aufklärungsarbeit betreiben und sie mit Leuten in Kontakt bringen, die schon Erfahrungen mit Unterkünften haben, die dann erklären können, wie unproblematisch das Miteinander ist. Entscheidend ist: Die Menschen müssen sich kennenlernen.

TME: Sind da nicht auch die städtischen Flüchtlingsberater gefragt? Diese solle ja nicht nur in die Unterkünfte hinein tätig sein.
Mrstik: Genau. Die Berater bearbeiten ein breites Feld. Klar, erst einmal müssen sie sich um die – zum Teil auch sehr traumatisierten – Flüchtlinge kümmern. Aber sie müssen auch ein Gefühl dafür bekommen, wie das Klima in der Stadt ist, im Stadtteil ist. Dinge, die aufkommen, müssen sofort angegangen werden. Da muss es eine persönliche Kommunikation geben, bevor sich in sozialen Netzwerken irgendetwas hochschaukelt. Das ist aber auch eine Aufgabe für die Politik.

TME: Die Grünen haben begrüßt und unterstützt, dass an der Fortunastraße nachhaltig Unterkünfte entstehen, die später auch anderweitig auf dem Markt angeboten werden könnten. Überhaupt ist das Thema Bauen, der Ruf nach preisgünstigem oder sozialem Wohnraum laut. Die Stadt spricht von bezahlbarem Wohnraum. Wie ist Position der Grünen?
Mrstik: Bezahlbarer Wohnraum – ein dehnbarer Begriff. Auch ein halber Millionär hat bezahlbaren Wohnraum im Blick. Ist nur eine Frage der Sichtweise. Wir reden auch über das Thema, sind uns aber nicht sicher, ob es auf jeden Fall Sozialwohnungen sein müssen. Wir müssen Wohnungen für alle Bevölkerungsschichten Wohnraum vorhalten.

TME: Aber es gibt schon Nachholbedarf im mehrgeschossigen Wohnungsbau mit preiswerteren, billigen Wohnungen, schon im Sozialwohnugsbereich.
Mrstik: Das stimmt schon. Die Frage ist nur: Wo? Es ist gut, dass die Brachfläche am Düsseler Tor bebaut wird.
TME: Aber das ist für ein anderes Klientel bestimmt.
Mrstik: Ja, klar. Das ist eben die Herausforderung der GWG. Das Eine muss das Andere fördern. Die GWG sollte hochpreisiger bauen, um dann günstigen Wohnraum schaffen zu können, gemeinnützig eben. Die Ressourcen muss die Stadttochter aber auch mit einem vertretbaren Risiko erwirtschaften können.

TME: Wir diskutieren in Wülfrath nun schon lange, dass im Wohnungsbau was passieren soll. Bisher wurde nur das Bunkergelände Goethestraße herausgefiltert. Das Thema wird drängender.
Mrstik: Wenn wir über Wohnraumflächen reden, hätte man das Bahnhofsareal zum Beispiel als Potenzial. Das ist innenstadtnah, durch eine Wohnbebauung könnte auch die Innenstadt weiter belebt werden. Da muss man mal Ideen entwickeln, wie man das gestalterisch anbinden kann. Es muss eine einheitliche Achse zur Wilhelmstraße werden.

TME: Wenn man über Innenstadt spricht, muss man auch über verkaufsoffene Sonntage reden. Die Gewerkschaft Verdi geht da auf Konfrontationskurs, lehnt die entsprechende Satzung der Stadt ab. Was für ein Bauchgefühl haben da die Grünen?
Mrstik: Ein Urteil gibt es noch nicht. Und vor Gericht und auf hoher See…man kennt die Sprüche. Die Frage ist: Wem sind die Sachen wichtig? Wer geht dementsprechend auf die Barrikaden? Wer setzt sich an die Spitze der Bewegung? Es geht ums Gemeinschaftsgefühl der Stadt und um den Handel gleichermaßen. Es wurde schon früh im Jahr gesagt, dass die Kapazitäten von Wülfrath pro da erschöpft sind, zumal da auch drei neue Frauen am Ruder stehen. Dann ist das noch schwieriger. Ich hätte mir da von einer Bürgermeisterin gewünscht, dass sie erklärt hätte, dass sie an der Kombination festhalten will, dass sie keinen Ausfall des Kartoffelfestes wünscht. Da hätte sie sich an die Spitze stellen können.

TME: Ich kann mir vorstellen, dass – sollte es zum Kartoffelfest keinen verkaufsoffnenen Sonntag mehr geben können – Wülfrath pro dieses Fest nicht mehr durchführt, weil der Handel von diesem Fest dann nicht mehr so profitiert.
Mrstik: Das wäre nachvollziehbar. Und eben deshalb bin ich der Ansicht, dass beispielsweise auch beim Kartoffelfest sich andere Kräfte starkmachen, weil man diese Veranstaltug für das Leben in der Innenstadt möchte. Und wenn man das will, dann muss man sich dafür auch einsetzen?

Im Handel fehlt es an Gemeinschaftsgefühl.“

TME: Wer muss sich einsetzen?
Mrstik: Auch die Politik ist gefragt. Aber hätte es richtig und wichtig gefunden, wenn sich die Bürgermeisterin an die Spitze der Bewegung gesetzt hätte. Die Absage des Kartoffelfestes zum Beispiel kam nicht von heute auf morgen. Die Gefahr bestand doch schon. Die Bürgermeisterin ist nicht proaktiv gewesen. Hinterher ist sie aufgetreten und hat Finanzen in Aussicht gestellt, wofür sie eigentlich kein Mandat hat.

TME: Und welche Rolle spielt dann der Handel?
Mrstik: So ein bisschen habe ich das Gefühl, dass es dem Handel an Gemeinschaftsgefühl fehlt. Die könnten viel mehr bewegen, die Innenstadt mehr bewerben, könnten mehr gemeinsam machen.

TME: Das sagen alle Wülfrath pro-Vorstände der letzten Jahren: Die Händler könnten sich mehr einbringen…
Mrstik: Man muss aktiv werden und man muss sich zur Gemeinschaft, in der man Mitglied ist, bekennen: Ja, wir treten jetzt gemeinsam auf. Ja, wir unternehmen was. Die Einzelhändler müssen sich gemeinsam präsentieren. Der Handel ist durch Internet und große Städte im Umkreis in Wülfrath bedroht. Da muss den Menschen mehr erklärt und gezeigt werden, warum sie in Wülfrath einkaufen sollen. Es muss eine Kampagne für die Wülfrather Innenstadt geben. Das muss gar nicht der Handel allein machen.

Beim Abfallkonzept haben wir ein Jahr verloren.“

TME: Noch ein Themenwechsel: Die Grünen waren stets ein Verfechter der Regelrestmülltonne. Nun wird die Einführung 2018 erfolgen.
Mrstik: Endlich, kann ich da nur sagen. CDU und SPD haben dafür gesorgt, dass wir da ein Jahr verloren haben. Und dadurch wurde nichts gewonnen. Wir könnten schon weiter sein. Aber wichtig ist, dass nun das neue Abfallkonzept endlich kommt.

TME: Bis zur nächsten Kommunalwahl im Jahr 2020 ist noch Zeit. Was sind die Themenschwerpunkte der Grünen bis dahin?
Mrstik: Das Thema Nachhaltigkeit ist uns wichtig.

TME: Wie will man dieses Thema lokal spielen?
Mrstik: Zum Beispiel im Bereich Erhalt der Grünflächen. Wir wollen weniger Versiegelung von Flächen. Wir wollen das Kleinstädtische erhalten wissen – mit der Nähe zur Natur. Was bringt es uns, wenn die Imker keine Bienen mehr haben, weil es hier keine Blumen mehr gibt? Dann geht das an unsere Existenz heran.

TME: Können Sie das bitte mal an einem Wülfrather Beispiel konkretisieren?
Mrstik: Sicher. Wir sprechen uns dagegen aus, dass die heutige Felder am Flehenberg Richtung Düssel in den neuen Regionalplan als mögliches Bauerwartungsland aufgenommen werden soll. Da fehlt es an Bewusstsein in der Breite der Politik. Das hat man auch im Kleinen gesehen: beim Thema Elektroauto. Wir hatten gefordert, dass die Stadt bei der Anschaffung künftiger Fahrzeuge auch den Kauf von E-Mobilen prüft. Nur prüft. Das ist vielen schon zuviel. Mobilität ist ein anderes Thema der Nachhaltigkeit. Da muss der ÖPNV eine viel, viel gewichtigere Rolle spielen.

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